Gesellschaft für Bayerische Musikgeschichte

 

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Denkmäler der Tonkunst in Bayern, Neue Folge, Band 17


Im August erschien Band 17 der Neuen Folge der Denkmäler der Tonkunst in Bayern. Der von Stephan Hörner herausgegebene Band, Symphonische Dichtungen von Komponisten der "Münchner Schule", beinhaltet drei zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstandene und hier erstmals im Druck vorliegende Werke. Die Komponisten, Clemens von Franckenstein, August Reuß und Felix vom Rath, sind heute weitgehend vergessen, waren jedoch vor allem in Deutschland in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts im Konzertleben sehr präsent. Einigendes Band aller drei Komponisten ist ihre Studienzeit bei Ludwig Thuille in München. Thuille prägte um 1900 in München eine gemäßigte Form der Moderne, die Errungenschaften der "Neudeutschen Schule" mit konservativeren, aus der Brahms- und Rheinbergertradition weiterentwickelten Elementen verband. Verblasste Thuilles Werk zunehmend hinter dem seines Jugendfreundes Richard Strauss, so übte er jedoch als Pädagoge einen wichtigen Einfluß auf eine ganze Generation von Komponisten aus. Allen drei im neuen Denkmäler-Band vorgestellten Werken ist eine spätromantische, tonal moderat erweiterte Klangsprache zu eigen, die deutlich auch den Einfluß der Symphonischen Dichtungen von Richard Strauss bezeugt - eine Klangsprache, die die drei Komponisten in ihrer späteren Entwicklung aufgaben.

Clemens von Franckenstein (1875-1942) ist heute vor allem noch aufgrund seiner Tätigkeit als Intendant des Münchner Hoftheaters bzw. Generalintendant der Bayerischen Staatstheater bekannt - ein Amt, das er gleich zweimal innehatte, von 1912 bis zum Zusammenbruch der alten Ordnung 1918 als letzter königlicher Intendant sowie erneut von 1924 bis 1934, als er auf Druck der Nationalsozialisten zurücktreten musste. Dabei war Franckenstein ein in seiner Zeit geschätzter Komponist, der vor allem mit seiner 1920 in Hamburg uraufgeführten Oper Li Tai-Peh einen überregionalen Erfolg zu verzeichnen hatte, der ihn einem breiten Publikum bekanntmachte. Die in diesem Band vorgestellte Symphonische Dichtung Nachtstimmung ist ein vergleichsweise kurzes Jugendwerk, das 1899 in Wien im Rahmen eines von Franckenstein geleiteten Konzertes mit eigenen Werken uraufgeführt wurde.

August Reuß (1871-1935) begann erst in relativ fortgeschrittenem Alter ein geregeltes Kompositionsstudium, das ihn 1903 zu Ludwig Thuille nach München führte. Nach einigen Jahren als Theaterkapellmeister in Magedeburg und Berlin kehrte er 1909 nach München zurück, wo er bis zu seinem Lebensende blieb. Er war Mitbegründer der Trappschen Musikschule (1927), des Vorläufers des heutigen Richard-Strauss-Konservatoriums; 1929 erfolgte die Berufung an die Akademie der Tonkunst als Professor für Komposition und Theorie. Die vorliegende Symphonische Dichtung nach einem Gedicht von Edgar Steiger (Ibsen-Phantasie) gehört zu einer Folge von vier Werken dieser Gattung, die alle zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden. In den Jahren nach dem ersten Weltkrieg wandte sich Reuß, dessen Werke nicht nur in seinem Münchner Wirkungsfeld eine starke Verbreitung erfuhren, von der Moderne ab. Er komponierte in der Folge hauptsächlich für kleinere Besetzungen und fand gegenüber den ausladenden spätromantischen, stark auf alterierter Harmonik aufbauenden Werken seiner frühen Jahre zu einer schlichteren, auf Transparenz angelegten Tonsprache, die beispielsweise in der 1926 an der Bayerischen Staatsoper München erfolgreich uraufgeführten Romantischen Ballettpantomime Glasbläser und Dogaressa besonders zum Tragen kommt.

Der Name Felix vom Rath (1866 -1905) findet heute vor allem im Zusammenhang mit Richard Strauss Erwähnung, zu dessen engsten Freunden er gehörte. Vom Rath entstammte einer begüterten rheinischen Industriellenfamilie, was ihn zeit seines Lebens materiell unabhängig machte. Nach einem Jura-Studium betrieb er kompositorische und pianistische Studien bei Max Pauer, Carl Reinecke in Leipzig und G. Sgambati in Rom. Sein Freund Max von Schillings vermittelte ihm Privatunterricht bei Ludwig Thuille in München, wo er seit 1893 lebte. Seine Wohnung wurde zu einem Treffpunkt für Musiker und Literaten. Eine mit Richard Strauss und Schillings projektierte progressiv ausgerichtete Musikzeitschrift (Lisztzeitung), für die Korrespondenten aus den Musikmetropolen Europas gewonnen werden sollten, so auch Gustav Mahler in Wien, kam nicht über das Planungsstadium hinaus. Ludwig Thuilles Klavierstück op. 37, Nr. 1, Threnodie, ist dem Andenken des Freundes gewidmet. Vom Rath hinterließ, nicht nur wegen seines frühen Todes, ein schmales Œuvre. Zeugen seine ersten Kompositionsversuche noch von der Aneignung Brahms'scher Einflüsse, fand der Unterricht bei Thuille seinen ersten Niederschlag in der im vorliegenden Band edierten Symphonischen Dichtung Nachtstück nach einem Gedicht Alberta von Puttkamers. Abgesehen von dem einsätzigen Klavierkonzert in b-Moll op. 6, mit dem vom Rath überregionale Bekanntheit erzielte, komponierte er vor allem Lieder und kurze Klavierstücke.

Stephan Hörner

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Dr. Stephan Hörner
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Letzte Änderung: 23.06.2004